Münchner
Medizinische Wochenschrift 2/2003
Frühdefibrillation durch Laien:
ethische Fragestellungen
K. Witzel1, C.
Kaminski1,2
1Akademie für interdisziplinäre Rettungs- und
Notfallmedizin, 2Bundesverband Lebensrecht
In
Deutschland versterben jährlich etwa 130.000 Menschen am plötzlichen Herztod.
Die Überlebenswahrscheinlichkeit von Patienten mit Kammerflimmern hängt
wesentlich von der Frist ab, innerhalb derer therapiert wird: sie reduziert sich
pro Minute therapiefreiem Intervall um ca. 10 Prozent. Daraus folgt, dass durch
eine verbesserte Ausbildung und Ausstattung des originären Rettungsdienstes
keine wesentliche Verbesserung erzielt werden kann: auch der bestausgebildete
Rettungsassistent mit Defibrillator kann nicht mehr viel bezwecken, wenn er zu
spät – auch innerhalb der gesetzlichen Hilfsfrist-
an der Einsatzstelle ankommt.
Als
alternativer Weg, die hohe Zahl der am plötzlichen Herztod versterbenden
Menschen zu verringern, gilt eine flächendeckende Verbreitung der Frühdefibrillation
durch Laien, was von den maßgeblichen Institutionen, insbesondere der Bundesärztekammer,
befürwortet wird. Wenn Defibrillatoren und Laien, die diese bedienen können,
sozusagen an jeder Ecke zur Verfügung stehen, lässt sich dadurch das
therapiefreie Intervall erheblich verkürzen. Zum Einsatz kommen hierbei
halbautomatische externe Defibrillatoren (AEDs), die in der Diagnostik nicht
schlechter sind als Notärzte und daher auch von Laien nach entsprechender
Einweisung problemlos zu bedienen sind. Mit Schädigungen des Patienten, die auf
eine Anwendung durch Laien zurückzuführen wäre, ist daher nicht zu rechnen.
Der frühe Einsatz von Defibrillatoren ist der klassischen
Herz-Lungen-Wiederbelebung in der Regel sogar vorzuziehen, da Kammerflimmern nur
durch Defibrillation kausal therapiert werden kann. Diese Ergebnisse sind durch
einschlägige Studien belegt. Die
Forderung, Frühdefibrillation nur in Verbindung mit einer fundierten Ausbildung
in Herz-Lungen-Wiederbelebung zu gestatten, ist daher aus unserer Sicht
langfristig nicht haltbar, zumal die technisch viel einfacher durchzuführende
Defibrillation in vielen Fällen auch effektiver ist.
Eine
tatsächliche Reduktion der Zahl derer, die jährlich an plötzlichem Herztod
sterben, scheint greifbar nahe – wenn die medizinischen Laien bereit sind zu
partizipieren. Hieraus ergeben sich aber durchaus ethische Probleme. Bisher war
es möglich, sich in Anwesenheit eines plötzlich zusammenbrechenden Menschen
auf die Position zurückzuziehen, mangels Fachkenntnis eher eine Schädigung
denn einen Nutzen des Patienten durch eigenes Handeln zu befürchten und daher
lieber die Ankunft des Rettungsdienstes abzuwarten. Nur wenige Laien sind sicher
in der Durchführung der Herzdruckmassage und der Beatmung. Die American Heart
Association distanziert sich zunehmend von der Forderung, Laien in der Beatmung
auszubilden und nimmt die möglicherweise schlechteren Ergebnisse zugunsten
einer höheren Hilfsbereitschaft in Kauf. Vor allem aber mit der Verbreitung von
AEDs lässt sich die abwartende Haltung nicht mehr begründen: Elektroden
ankleben und auf Anweisung des Gerätes einen Knopf drücken kann von jedem
erwartet werden. Andererseits kann
genau dieser minimale Aufwand lebensrettend sein – moralisch gesehen darf er
also nicht verweigert werden. Strafrechtlich gesehen tritt der Tatbestand der
„unterlassenen Hilfeleistung“ zunehmend in den Vordergrund . Falls die
Verbreitung der AEDs tatsächlich der von Feuerlöschern ähneln sollte, wird es
zudem so sein, dass der Patient dem weiteren Umfeld des frühdefibrillierenden
Laien zuzurechnen sein wird: statt z.B. eines Unbekannten, an dessen verunglücktem
Auto so mancher vorbeifährt, handelt es sich nun womöglich um einen
Arbeitskollegen oder Nachbarn, der in unmittelbarer Nähe zusammengebrochen ist.
Gas geben und unbeobachtet vorbeifahren geht nicht. Der in die Frühdefibrillation
eingewiesene Laie – und das werden, sofern diese Ausbildung Bestandteil der
Erste-Hilfe-Kurse werden sollte, sehr viele sein – wird die Frage „Helfen
oder nicht?“ nicht durch Warten auf den Rettungsdienst aussitzen können,
sondern tätig werden müssen. Er ist einem deutlich erhöhten Handlungsdruck
ausgesetzt, worüber er im Rahmen seiner Einweisung unterrichtet werden sollte.
Ausgebildete
Notärzte und Rettungsassistenten verfügen in der Regel über genügend
Erfahrung und medizinischen Sachverstand um abschätzen zu können, zu welchem
Ergebnis eine Reanimation führen
wird. Ein Reanimationsversuch kann dabei dem Rettungsdienstpersonal aus zwei Gründen
sinnlos erscheinen: zum einen, weil die physiologischen Fakten gegen ein
Wiederherstellen der kardialen Funktion sprechen, zum anderen, weil selbst nach
erfolgreicher Reanimation Lebenserwartung und Lebensqualität des Patienten als
äußerst gering eingestuft werden. Im Fall des Arbeitskollegen, der plötzlich
zusammenbricht, ist die Sache klar: es muss defibrilliert werden. Was aber, wenn
es sich um die neunzigjährige Frau im Nachbarhaus handelt, der es seit ihrem
Schlaganfall zusehends schlechter geht, und deren Verwandte nun um Hilfe bitten?
Wie stellt sich die Situation in Altenpflegeheimen dar? Die Frage der
kardiopulmonalen Reanimation von Patienten, deren Sterbeprozess unumkehrbar
eingesetzt hat, wird in der Fachliteratur breit diskutiert – die hat jedoch
ein Laie, der lediglich in die Handhabung eines AED eingewiesen wurde, kaum
gelesen, und er wird sich, anders als professionelle Helfer, unter Umständen
mit einer Entscheidung darüber, ob es sich überhaupt um einen irreversiblen
Sterbeprozess handelt, sehr schwer tun. Eine
Orientierung am medizinethischen Prinzip des Nutzens für den Patienten ist
somit schwierig, da der Nutzen für den Laien nicht einschätzbar ist. Ähnlich
verhält es sich möglicherweise mit dem Prinzip des Respekts der
Patientenautonomie: während der sterbenskranke Krankenhauspatient seinen Willen
bezüglich des Unterlassens lebensverlängernder Maßnahmen dem behandelnden
Arzt unmissverständlich klar gemacht haben kann, ist dies für den mehr oder
weniger zufällig hinzugezogenen Laien auszuschließen. Er wird die Frage, was
der Patient in dieser Situation selbst gewollt hätte, demnach aus zwei Gründen
nicht beantworten können: er kann weder die Situation umfassend einschätzen
noch ist er über die entsprechende Haltung des Patienten aus erster Hand
informiert.
Der
Umgang mit Situationen, in denen es ganz unmittelbar um Leben oder Tod eines
Menschen geht, ist nahezu alltäglicher Bestandteil des beruflichen Lebens von
Rettungsdienstmitarbeitern, für die meisten medizinischen Laien jedoch
ausgesprochen außergewöhnlich und belastend. Zudem haben diese nicht
die Möglichkeit, nach einem solchen Einsatz im Gespräch mit Kollegen, die
diese Erfahrungen teilen, Hilfe zu finden. Die Ausbildung von Laien in der Frühdefibrillation
sollte versuchen, den genannten Problemen Rechnung zu tragen und sich nicht auf
die bloße Schulung an AEDs beschränken.
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